Tatjana Bielke Text Improtheater Tanz & Performance Welt  
 

Reisegeschichten

Desdemona

Mit Michael Jackson durch die Wüste

Von der Schwierigkeit nicht zu denken

Zeit für den Pinguin

Alltagsgeschichten

Pärchenglück

Auf dem Arbeitsamt

Momentaufnahmen

What's your name?

Der Mann in Beige

Ein Moment zwischen Fliege und Hengst

REISEGESCHICHTE

Desdemona

Es rauscht in den verwehten Wipfeln der Bäume und der Wind trägt einzelne Möwenschreie herüber. Die Wolken rasant schnell, Figuren zerfetzen über dem aufgewühlten Meer. Die Gischt schäumt um den einsamen Felsen. Trotzdem irgendwie rosa.

Es herrscht Nicht-Lärm. Vereinzelte Blätter auf gebügelten Straßen. Die wenigen Autos halten bei Rot. Einbahnstraßen, um plötzliche Begegnungen zu verhindern.
Stehe da und schaue den nicht vorbeigehenden Menschen zu.
Ein stahlglänzendes Denkmal, in dem Botschaften für Außerirdische eingeschlossen sind.

Es stürmt. Die Jungfrauen steigen aus den Wogen des Meeres empor und lassen ihr langes Haar wehen. Mit den Spitzen schlägt es an meine Wangen. Wilde Wolken springen über den Himmel, unbändig und zügellos. Das Meer gekrönt und bleich. In Wellen fegt der Wind über uns hinweg.
Nichts, an dem das Auge hängen bleibt. Nicht mal ein Horizont. Kein Vogel stört das einheitliche Bild. Mein Ornithologe ist verwirrt.
Hört hier die Welt auf?
Hier, wo die beiden Weltmeere gegeneinander antreten, ihre Kräfte messen und alles, was sich ihnen in den Weg stellt, mit in die Tiefe reißen? Vereinzelte Schiffe liegen, gespenstisch in fahles Licht getaucht, vor Anker. Skelette gesunkener Schiffe wachen auf dem Meeresgrund. Möge der Gott der Meere uns gnädig sein.

Im Süden schwarze, unheimliche Berge, eisige Gletscher. Nach uns nur noch die Antarktis.
Eisiger Wind. Niemand sonst da. Schneckengehäuse, Knochen von Vögeln. Mein Ornithologe spricht über Vögel und die Entwicklung von Vögeln. Wie Vögel fliegen lernten und wie Vögel gebaut sind. Wie Vögel ihre Zähne verloren und wie Vögel Federn bekamen. Wie Vögel Krallen ausbildeten und wie Vögel zu Fleischfressern wurden. Wie Vögel mit dem Schwanz manövrieren und wie Vögel im Wind gleiten. Wie Vögel auf dem Wasser landen und wie Vögel ihre Beute erspähen. Wie Vögel Vögel wurden und wie Vögel Vögel blieben. Sein Tuschstift zeichnet Vogelskelette aller Größe, Form und Perspektive. Flügelknöchelchen, Schnabelformen, Fußstellungen. Flugsaurier, Raubvögel, Schwimmvögel. Wir sammeln Knochen wie Muscheln. Mit und ohne Fleisch.

Desdemona, (c) Tatjana Bielke Vor uns Desdemona. Wie gemalt ragt sie aus dem Schlick. Nicht ertrunken sondern gestrandet. Vom Salzwasser angefressen liegt sie da, ein rostrotes Schiffswrack. Das Meer hat sich für ein paar Stunden zurückgezogen. Wir waten durch das Watt. Im Buk ein Loch, der Todesstoß, an dem Desdemona zugrunde ging. Mit klammen Fingern ziehen wir uns an den Kanten hoch und kriechen in ihre Eingeweide. Wie ein verwundetes Reh liegt sie auf der Seite. Drei Decks hoch. Ein dunkles Inneres, in dem die Klabautermänner wohnen. Die Türen kreischen beim Öffnen. Unsere zaghaften Schritte verhallen ungehört.
Wir tasten uns durch die Dunkelheit.
Lass mich nicht alleine.

Leitern ohne Sprossen. Durch die glaslosen Bullaugen heult der Wind. Der Boden verrostet.

Halt lieber meine Hand.
Verwitterte Zeichen an den Wänden. Schwarze Pfeile, die ins Nichts führen.
Bleib ganz dicht hinter mir.

Das Außendeck glitschig, von Algen bedeckt. Schräglage. Gleich kippt es um. Gischt spritz über die Reling. Der Boden ächzt. Brüchiges Metall knirscht. Kracht. Unter meinen Füßen gibt es nach. Nicht allmählich, abrupt. Der Fall scheint unendlich. Mein Schrei hallt wieder aus dem holen Schiffsbauch. Tiefer und tiefer. Der Aufschlag dumpf. Finsternis. Ohne Bewusstsein, für einen Moment. Von außen dröhnt das Meer hinein. Das Rauschen verlangt Einlass. Klopft unerbittlich an den Rumpf. Feuchte, ranzige Luft.

Mein Körper liegt einfach da. Wo seid ihr, Meerjungfrauen? Spüre nichts.
Kommt das Meer herein und ertränkt mich? Liege da. Kommt die Flut und begräbt mich? Mein Körper liegt da. Desdemona hat mich verschluckt. Draußen heult der Wind. Ich öffne die Augen. Mein Körper liegt nicht so wie es sich gehört. Aber ich spüre nichts. Liege da, stumm. Blicke blind ins Schwarze. Bewegungslos, reglos. Ein Laut dringt zu mir hinunter. Ein Schrei. Nicht meiner. Oder schreie ich immer noch? Nein, es ist jemand Anderes. Der Bauch vibriert. Desdemona verdaut mich. Es ist dunkel. Klamm. Ein schweigendes Heer dunkler Kobolde lauert um mich herum. Geduldig wartend. Was wollt ihr?

Kommt doch, ihr Wolken, springt vom Himmel hinab und hebt mich empor. Du schaumgekröntes Meer, wiege mich auf deinem Haupt und trage mich ans Ufer. Kommt, ihr Knochenvögel, nehmt mich auf eure Schwingen und bringt mich ans Licht. Spuck mich wieder aus, Desdemona!
Eine weiße Papiertaube segelt hinab. Anatomisch korrekt gefaltet. Mit einem Briefchen am Fuß.
Ich rette dich.
Gut.
Rette mich.

(c)Tatjana Bielke

Die Desdemona ist vor der Küste Patagoniens gestrandet, in der Nähe von Ushuaia
Google Earth: Ushuaia

 


Bildnachweis:
Alle Bilder auf dieser Seite: (c) Tatjana Bielke
 
 
  Kontakt | Impressum

(c) Tatjana Bielke, 2010